Rillenforscher - Die Broschüre zum 25. Geburtstag.

Vorwort:

Zum Geleit Meinen Freunden zum 25. Geburtstag!

Bereits als Kind in Dresden, vor Urzeiten also, wurde mir von hellseherisch begabten Mitmenschen angedroht: "Du wirst noch mal dein blaues Wunder erleben!" Daß sich jene Prophezeihung seit einem Vierteljahrhundert auf höchst erfreulich-jazzige Weise erfüllt, dazu kann ich Euch, der glorreichen Jubiläums-Sieben, gratulieren und innig danken!

Wenn ich meinen nebulösen Erinnerungen trauen darf, dann erfolgte unsere schicksalhafte Erstbegegnung 1974 an einem tristen Herbstsamstag auf einer nicht weniger tristen Interimsbühne im Pillnitzer Schloßpark, wo "Folklore-Lyrik-Prosa" angesagt war. Als staatlich zugelassener Conferencier verkörperte ich den einzigen Mitwirkenden ohne Blauhemd-Verkleidung und kam mir dabei im illustren Reigen der Damen und Herren Volkskünstler (sprich Dresdner Schüler und Studenten) ziemlich fehl am Platze vor. Plötzlich, gleich einem unverhofften Sonnenstrahl, trat eine Art "Folk Dixie Band" der Dresdner TU in Aktion. Die Jungs zeigten einerseits verblüffendes Talent als mehrstimmige Gesangsgruppe (im Zeichen der damals hochpopulären FDJ-Singebewegung) und intonierten andererseits mit herzerfrischender Spielfreude ungestüm-fröhliche, manchmal etwas holprige Dixielandklänge, womit sie endlich Belebung in die ansonsten recht einfältige Veranstaltung brachten.

Ja, so lernte ich Euch als Jazz-Neulinge kennen, deren Musizierbegeisterung durch das noch junge, 1971 geborene Dresdner Internationale Dixielandfestival wesentlich inspiriert worden war. Obgleich ich meine helle Freude nicht verhehlte, wohl auch so etwas wie "sehr talentiert, unbedingt weitermachen!" kundtat, empfand ich dennoch eine gewisse Skepsis. Schon des öfteren hatte ich enthusiastische Aufbruchstimmung erlebt, die dann im Alltag des unabdingbaren Übens und Probens, auch aus beruflichen oder rein privaten Gründen allmählich verebbte und schließlich mit einem resignierenden Schlußstrich endete. Ich ahnte ja nicht, aus welch seltenem Edelholz Ihr geschnitzt seid!

Wenig später, im Januar 1975 gaben Euch rund zweitausend begeisterte Besucher im Dresdner Kulturpalast, in dem Ihr damals tollkühn erstmals in einem großen Showprogramm mitgewirkt habt, Euren Namen. Er hatte unter drei Vorschlägen den eindeutigen Wahlsieg davongetragen: Blue Wonder Jazzband. Eine geradezu genialische Wortverknüpfung, beinhaltet sie doch doppelsinnig sowohl das berühmte Dresdner Wahrzeichen, das Blaue Wunder, als auch den jazztypischen, von den sogenannten blue notes abgeleiteten Begriff Blue. Zudem läßt sich mit heutigem Abstand auch Wonder spezifisch deuten, mutet es doch in der Tat wie ein Wunder an, zu welcher imponierenden Qualitätshöhe die Band seit ihrer Namensgebung emporgestiegen und -ähnlich ihrem Namensvorbild- zu einem in Ost und West bekannten wie anerkannten Jazz-Wahrzeichen Dresdens gewachsen ist.

Wie ich es sehe, wurde Euch die erste wirklich gravierende Anerkennung, verbunden mit dem ausschlaggebenden Erfolgsdurchbruch, vier Jahre nach der Namensgebung wiederum im Dresdner Kulturpalast zuteil. Es war die Mitwirkung beim 9.Internationalen Dixielandfestival '79, bei dem ich Euch mit riesiger Freude erstmals in internationaler Runde vorstellen durfte und ein wenig über das Lampenfieber hinweg half. Unvergessen ist mir der orkanartige da-capo-Jubel am Ende Eures Auftritts. Überglücklich, mit erstaunten Gesichtern, habt Ihr ein grandioses Heimspiel verbuchen können - zukunftsweisend für die Blue Wonder Jazzband.

Euer konstantes, niemals auf Erreichtem beharrendes Wirken zeigt, wozu Begeisterung, Enthusiasmus, Fleiß, Ausdauer, Zielorientierung, eine gewisse Besessenheit, Liebe zur Sache und nicht zuletzt tiefer Gemeinschaftsgeist befähigen. Dabei habt Ihr wahrhaftig nicht gerade einen leichten Weg im weiten Spektrum des Traditionellen Jazz eingeschlagen: Zwar zunächst im hochpopulären Dixieland-Fahrwasser (noch mit Trompete/Baßtrompete und Kontrabaß), aber schon bald (nun mit Kornett und Tuba) auf den weit weniger populären Spuren der frühen Orchestermusik á la Frankie Trumbauer, Jean Goldkette, Paul Whiteman, Bix Beiderbecke, Jelly Roll Morton, Duke Ellington, woraus sich konsequenterweise auch ein spezielles Repertoire mit weniger bekannten Kompositionen ableitet. Wie Ihr mit lediglich drei Melodiebläsern und ohne Klarinette Eure anspruchsvollen musikalischen Intentionen zu realisieren versteht, betrachte ich als phänomenal. Auch den Umstand, daß die Euch als Vorbild dienenden historischen Plattenaufnahmen nicht museal kopiert, sondern -bei Wahrung der typischen Grundzüge des Originals- erstaunlich einfallsreich neu entdeckt werden. Nicht zuletzt sind es dann Euer immer wieder faszinierender musikantischer Esprit und der unverkennbar ehrliche "Spaß an der Freud' ", womit Ihr den altehrwürdigen Jazz-Klassikern gleichermaßen vitale wie ungemein hörvergnügliche Neubelebung beschert. Hierzu fügt sich quasi als komplettierender I-Punkt Euer dreistimmiger Gesang nach Vorbild der vor sieben Jahrzehnten als "modern sensation" bejubelten "Rhythm Boys". Mit ihm habt Ihr aus den Wurzeln der Singebewegung eine ungeahnt neue, für die Band attraktive vocale Attitüde hervorgezaubert, wie sie in ihrer spezifischen Art im europäischen Amateurjazz ohne Parallele ist. Last but not least könnt Ihr auf eine Einmaligkeit blicken: 25 Jahre Blue Wonder Jazzband bedeutet ein Vierteljahrhundert personelle Beständigkeit, unverbrüchliche Gemeinsamkeit von sieben Freunden. Dieser durch nichts zu ersetzende menschliche Wert ist von solcher Größe und besagt so viel über Euch, daß jedes weitere kommentierende Wort profan anmutet. Es vermittelt mir ein gutes Gefühl, daß ich Eure nach oben führende Leiter ein wenig mit halten konnte. Ich erinnere mich an so viele, fröhliche und wohltuend harmonische Stunden, die wir gemeinsam auf jazzigem Terrain verbracht haben. Fast immer registrierte ich einen neuen Vorwärtsschritt bei Euch, auch so manche Überraschung im Repertoire.

Ich denke daran, wie wir kurz nach der Wende im Fränkischen und Westfälischen gastierten, wo das Publikum zunächst eine ziemlich kühl-abwartende Distanz zeigte, aber dann zunehmend auftaute und schließlich in totale Jubelstimmung verfiel, man Euch sogar standing ovations bereitete. Aber niemand konnte begreifen, daß Ihr noch keine einzige Schallplatte aufzuweisen hattet! Im fränkischen Ansbach brachte es ein schon etwas betagter Jazzfreund auf den Punkt: "Ich fasse es nicht, daß diese Band aus der DDR kommt. Warum weiß man bisher nichts von ihr? So etwas Großartiges und mitreißend Lebendiges habe ich schon seit langem nicht mehr erlebt, die Jungs spielen hier alles an die Wand!" Ein Kompliment, wie ihr es seither in den vielfältigsten Varianten vernommen habt. Allerdings könnt Ihr inzwischen Eurem begeisterten Publikum vier CD-Eigenproduktionen mit auf den Weg geben.

Möge sich Euer seit langem heißgehegter Wunsch im 3. Jahrtausend erfüllen: Einmal in New Orleans spielen! Vor allem wünsche ich der Blue Wonder Jazzband noch lange Jahre der 1975 begründeten Gemeinsamkeit, Euch und Eurem Publikum zur Freude.

In steter Verbundenheit ein herzliches Keep swinging!

Euer Karlheinz Drechsel


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