Die "Grüne" 1994 Titelliste:
1. HIGH SOCIETY RAG (Piron/Steel) 6:18 2. FROM MONDAY ON (Barris/Crosby) ![]()
mp3 Soundclip (1.7MB)5:46 3. ORY'S CREOLE TROMBONE (Ory) 3:17 4. WEST END BLUES (Oliver/Williams) 5:08 5. THE CHANT (Stitzel) 5:22 6. MISSISSIPPI MUD (Barris/Cavanaugh) 4:50 7. THE PEARLS (Morton) 3:15 8. CHANGES (Donaldson) 6:00 9. THE CREEPER (Ellington) 6:00 10. CREOLE LOVE CALL (Ellington/Miley/Jackson) 6:38 11. PANAMA RAG (Tyers) 7:13 12. BALLIN' THE JACK (Smith/Burris) 4:20 13. ROCKIN' IN RYTHM (Ellington/Carney/Mills) 6:05 Die Aufnahmen dieser CD entstanden bei zwei Konzerten anläßlich des 19. Geburtstages der Blue Wonder Jazzband am 21. und 22. Januar 1994 im Studiotheater des Dresdener Kulturpalastes.
Begleittext:Es ist noch kein Jahr vergangen, und schon überrascht die BLUE WONDER JAZZBAND mit ihrer zweiten CD-Veröffentlichung. Sie holt offensichtlich mit Vehemenz nach, was ihr einst in der DDR durch die Reglementierung aller Kunstproduktion und deren Verbreitung (private Tonträgerproduktionen und -vertrieb sind absolut undenkbar gewesen) bis zuletzt verwehrt geblieben war. Tatsächlich, die seit 1975 in Dresden existierende Amateurband hatte - mit Ausnahme eines einzigen Titels auf einer AMIGA-LP vom 1979er Int. Dixielandfestival Dresden - nie eine Chance zu einer eigenen Plattenproduktion erhalten! Und das, obwohl sich das hervorragende Musizierniveau der BLUE WONDER JAZZBAND, in Einheit mit außergewöhnlichen stilistischen Intentionen unter dem Aspekt des authentischen Nachvollzuges des Jazz der zwanziger und dreißiger Jahre, stetig wachsender Anerkennung - auch internationaler - erfreute. Mit jedem ihrer Konzerte vermochte die Band die Herzen des Publikums zu öffnen, entfachte sie mit ihrem erzmusikantischen, von ungewöhnlichem Enthusiasmus durchpulsten Spiel stets ansteckenden Frohsinn und helle Begeisterung.
Die Flamme lodert noch mit unverminderter Kraft! Das belegen eindeutig die hier vorliegenden LIVE-Einspielungen, die im Januar 1994 während zweier Konzerte im Studiotheater des Dresdener Kulturpalastes (wo derartige "Heimspiele" zur guten Tradition geworden sind) von der Band selbst aufgenommen wurden.
Nachdem zur BLUE WONDER JAZZBAND bereits auf dem Beiblatt zur ersten CD informiert wurde, seien diesmal "Einstimmungen" zu den einzelnen Titeln vermittelt. Deren stilistisch-konzeptionelle Orientierung wird grundsätzlich durch die jeweilige Originalaufnahme aus der Frühzeit des Jazz (deren Aufnahmedatum in Klammer vermerkt ist) bestimmt, jedoch nicht etwa in der Art eines akribischen "Museumskultes", sondern unter Beifügung neuer Akzente sowie einer mit viel Spielwitz realisierten Umsetzung der klassischen Vorlagen in wahrhaft lebendige Musik. Gleichzeitig vermittelt sich dem Hörer im Hinblick auf den Trad-Jazz, wie er im allgemeinen Praktizierung findet, ein ebenso ungewohntes musikalisches Ensembleprofil wie auch Repertoire.
Der zum Auftakt erklingende HIGH SOCIETY RAG basiert auf der Einspielung des King-Oliver-Orchesters (22.6.1923) mit dem Klarinettisten Johnny Dodds, der schon damals - wie längst allgemein üblich - das zuvor von dem Klarinettisten Alphonse Picou grandios ausgeführte "High Society"-Solo weitestgehend nachvollzog. Dem klassischen Vorbild huldigt Frank Geipel virtuos auf dem Sopransaxophon (in der BWJB gibt es keine Klarinette!), sein Solo erklingt allerdings erst zum Ende des Stückes, woraus ein interessanter Steigerungseffekt resultiert. Hervorragend die kollektive Musizierdichte, die ein typisches Markenzeichen der Band darstellt.
Dem einst populären Tagesschlager FROM MONDAY ON liegt die Erfolgsaufnahme des Paul-Whiteman-Orchesters mit dem Kornettisten Bix Beiderbecke und der "Rhythm Boys"-Vokalgruppe (mit Bing Crosby) zugrunde (13.2.1928). Mit hartem Drive wird Schwülstigkeit gekontert, während Kornettist Manfred Böhlig (nicht nur hier!) mit "Beiderbecke-Flair" überrascht und Pianist Lutz Rethberg, dessen Ragtime-Stilistik generell die Musik der BWJB akzentuiert, das Original abwandelnde Farben beisteuert. Den "i"-Punkt setzt der dreistimmige Gesang à la "Rhythm-Boys" (Klaus-Georg Eulitz, Frank Geipel, Lutz Käubler), womit die BWJB eine wahrhaft außergewöhnliche und höchst delikate, im europäischen Trad-Jazz wohl einmalige ästhetische Spezialität vorzuweisen hat.
Bereits 1922 spielte der Posaunist Kid Ory sein berühmtes Bravourstück ORY'S CREOLE TROMBONE in Plattenrille, aber erst die Aufnahme mit Louis Armstrong's HOT FIVE (2.9.1927) brachte der Ragtime-inspirierten Komposition letztendlich Erfolg. Posaunist Gert Müller, dessen wunderbar geschmeidig-weiches Spiel immer wieder aufhorchen läßt und der überdies für die ganz exzellenten Arrangements quasi als Chefarrangeur verantwortlich zeichnet, tritt - abgesehen von seiner gelungenen "Ory"-Introduktion - nicht solistisch hervor, sondern überläßt das Feld, analog zum Original, ganz Manfred Böhlig. Der Kornettist nennt den nachfolgenden WEST END BLUES "sein" Stück, basiert es doch auf der vielgerühmten Aufnahme von Armstrong's HOT FIVE (28.6.1928), bei der der Trompeter jene genialische Einleitungskadenz intonierte, die seitdem für jeden engagierten Trad-Trompeter, steht der WEST END BLUES auf dem Programm, "Pflicht" (und Angstgefühl) bedeutet. Manfred Böhlig schlägt sich respektabel, bevor er, nach stimmungsvollen Chorussen von Posaune und Sopransaxophon, mit melancholisch gefärbtem Scat-Gesang à la Satchmo verblüfft. Daß danach - anstelle des in der Originalaufnahme zu hörenden Klaviersolos - ein Tubasolo folgt, ist originell. Tubist Dietmar Bazant verkörpert im Ensemble grundsätzlich eine gewichtige harmonisch-rhythmische Säule, wobei er das "zähe" Instrument erstaunlich variabel, flüssig-swingend wie auch drive-stimulierend einzusetzen versteht.
Im bemerkenswert umfangreichen BWJB-Repertoire sind hinsichtlich "Vorbild" gewisse Favoriten nicht zu überhören, so die frühe Orchestermusik eines Jelly Roll Morton oder Duke Ellington. THE CHANT zählt zu Morton´s Erfolgsaufnahmen (15.9.1926), hier in starker Anlehnung an das (nicht gerade unkomplizierte) "Red Hot Peppers"-Originalarrangement zu hören. Dem bekannten "explosiven" Intro folgt eine Kette vehementer Chorusse, wobei der Gründer und Leiter der Band, Klaus-Georg Eulitz, sein (nicht allzuoft hervorgestelltes) Können auf dem Banjo glänzend unter Beweis stellt. Einfach grandios die dynamisch forcierte Schlußattacke.
Mit MISSISSIPPI MUD folgt ein weiterer Hit des einstigen Paul-Whiteman-Orchesters (18.3.1928), als der Kornettist Bix Beiderbecke und der Sänger Bing Crosby zu dessen Stars zählten. Daß sich die BWJB von jener musikalischen Linie, die noch Charleston-Touch aufwies, ganz besonders inspiriert fühlt, ist nicht zu überhören. Im nachempfundenen Arrangement läßt M. Böhlig mit klarem Ton "Bix" durchschimmern, versieht K.-G. Eulitz "Bing" mit eigenem Ausdruck und steuern F. Geipel mittels "slide whistle" und Lutz Käubler auf dem "washboard" erfrischend neue Nuancen bei. À propos Lutz Käubler; sein Einfühlungsvermögen in die frühe Schlagzeug-Praxis und seine Disziplin gegenüber den höchst diffizilen Arrangements, womit er ganz wesentlich zur Realisierung der spezifischen musikalischen Intentionen beiträgt, verdienen mit Nachdruck der Hervorhebung.
THE PEARLS ist eine der interessantesten Ragtime-Kompositionen Jelly Roll Mortons, der das Stück zunächst als Klaviersolo aufnahm (18.7.1923) und es 1927 noch einmal mit seiner Band einspielte. Gert Müller, der sich hier erstmals (!) öffentlich als Solopianist vorstellt, folgt in beeindruckender Manier der romantisierenden, auch ein wenig impressionistisch behafteten Morton-Originalvorgabe, womit er das BWJB-Gesamtprofil um eine hochinteressante Nuance "stimmig" bereichert.
Mit CHANGES findet ein weiterer Whiteman-Erfolg (23.11.1927) vitale Wiederbelebung, wobei vor allem der dreistimmige Harmoniegesang nach dem Vorbild der "Rhythm Boys" (deren "moderne" Harmonie-Wendungen - CHANGES - seinerzeit sensationell wirkten) echt besticht. Kornettist M. Böhlig agiert im Wortsinn "Bix"-brillant, im Soloreigen bringt F. Geipel durch den Wechsel zum Tenorsaxophon eine weitere wirkungsvolle Farbe ins Spiel.
THE CREEPER zählt zu den frühen, eigentlich lange vergessenen Ellington-Kompositionen, die vom Duke überhaupt nur ein einziges Mal - mit seinem "Kentucky Club Orchestra" - in Plattenrille gespielt wurde (29.12.1926). Die BWJB-Neufassung besitzt einerseits unverkennbares ELLINGTONIA-Flair, verwendet u. a. auch die von Ellington konzipierten Break-Effekte, aber offeriert andererseits auch wirkungsvolle Neuerungen, wozu u. a. drei wahrhaft mitreißende, von F. Geipel souverän exerzierte Altsaxophon (!) -Chorusse sowie ein grandioser dreistimmiger Scat-Vocalchorus als Finalpunkt zählen.
Auch der CREOLE LOVE CALL, eine der berühmtesten Ellington-Blues-Kompositionen, fußt auf einer Frühaufnahme (26.10.1927), die während der sog. "Jungle Stile"-Etappe des Duke entstand, als er mit bizarren, "mystischen" Klangfarben agierte und hierbei das Prinzip der Klangverfremdung mittels spezieller Trompeten- und Posaunendämpfer im Jazz etablierte. Die BWJB-Version orientiert sich allerdings weniger konkret an der Originalaufnahme, sondern schafft vor allem typische Ellington-Stimmung, Sound-Atmosphäre jener Zeit, was der Band - trotz des Fehlens der hierfür charakteristischen Klarinettenstimme - bewundernswert gelingt.
Der bereits 1911 publizierte PANAMA RAG ist seit Anbeginn, bis heute, im Repertoire fast jeder Trad-Band zu finden. In diesem Fall folgt die BWJB einmal keinem direkten Vorbild. Sie musiziert mit Waschbrett-Rhythmus jazzig-fröhlich geradeaus, kann allerding ein gewisses Liebäugeln mit dem San-Francisco-Revival-Stil der 40er Jahre, wie es speziell durch die betonte, von der Tuba markierte Two-Beat-Charakteristik deutlich wird, nicht verleugnen. In der Kette wunderbar gelöst vorgetragener Chorusse erscheint Posaunist G. Müller ganz besonders ispiriert.
Mit BALLIN' THE JACK kommt noch einmal Jelly Roll Morton zum Zuge, wobei eine seiner relativ späten Aufnahmen (28.9.1939) als Vorbild für das Kopfarrangement - mit führender Sopransaxophonstimme - dient. Hiervon abgesehen, entspricht der gesamte weitere Spielverlauf eigenen, quasi von "Morton-Geist" durchpulsten Ideen. Sehr reizvoll nimmt sich die Duo-Idee zwischen Banjo und Tuba aus, und noch einmal besticht der dreistimmige Gesang, speziell die echt frappierende Scat-Improvisation zum Schluß, die bezeichnenderweise spontane Publikumsreaktion auslöst.
Den Finalpunkt setzt mit ROCKIN´ IN RHYTHM eine der in formaler Hinsicht ungewöhnlichsten Ellington-Kompositionen, erstreckt sich doch das Thema über 107 Takte mit einer fünfgliedrigen Aufteilung (A-B-A-C-A), mit einem rhythmisch kontrastierenden "Rumba"-Mittelteil, motorisch bewegt von einem unentwegt pulsierenden, vom gesamten Ensemble getragenen "rockin' " Shuffle-Rhythmus. Kein Wunder, daß die Erstaufnahme des Ellington-Orchesters (8.11.1930) sensationelles Aufsehen erregte und die Komposition zu einem Ellington-"Klassiker" avancierte. Wie die siebenköpfige BLUE WONDER JAZZBAND das Orchesterstück mit ihren Mitteln absolut adäquat umzusetzen versteht, sie mit geradezu unglaublichem musikalischen Esprit und Temperament ein mitreißend-furioses "Bonbon" - mit Ellington-Touch - zelebriert, das darf man getrost als Meisterstück bezeichnen. Hut ab vor diesem Musikantentum!
Toi-Toi-Toi für die Zukunft! Speziell auch für "Breda", einem der bedeutendsten europäischen Jazzfestivals, wo die Band im Mai ´94 ihre Visitenkarte überreicht. Und das 20-jährige Bandjubiläum steht ja auch vor der Tür! Also, KEEP SWINGIN´ !!
Karlheinz Drechsel
Berlin, den 21. 4. 1994