Die "Bunte" 1999 Titelliste:
1. BOURBON STREET PARADE (Barbarin) 4:17 2. JOHN BROWNS BODY (trad.) 3:16 3. SUGAR (Pinkard/Mitchell/Alexander) 4:50 4. ST. LOUIS BLUES (Handy) 3:41 5. NOBODY KNOWS (trad.) 2:50 6. LORD (trad.) 3:21 7. I'SE A-MUGGIN' (Smith) 4:58 8. DOWN BY THE RIVERSIDE (trad.) 3:52 9. TIGER RAG (La Rocca/De Costa) 2:52 10. ST. JAMES INFIRMARY BLUES (Williams) 3:30 11. BILL BAILEY (Cannon) 3:25 12. I CAN´T GIVE YOU ANYTHING BUT LOVE (McHugh/Fields) 5:00 13. LIEBES KLEINES FRÄULEIN (Oddorp) 3:26 14. ALEXANDERS RAGTIME BAND (Berlin) 3:36 15. ICE CREAM (Watkins) 3:15 16. WHEN THE SAINTS (trad.) 5:04 Studioaufnahmen am 19.12.1998 (1, 3, 9, 11), 16.01.1999 (2, 13, 14, 15), 06.02.1999 (5, 6, 7, 9, 16) und am 20.03.99 (4, 12, 10)
Begleittext:Wir haben es mit den Farben: Im 25. Jahr des Bestehens der Blue Wonder Jazzband erscheint nach der "Roten" (1993), der "Grünen" (1994) und der "Schwarzen" (1996) nunmehr unsere vierte CD, die "Bunte". Immer wieder geäußerte Wünsche unseres Publikums gaben den Anstoß für ihre Produktion; Wünsche nach einer CD, die Jazzstandards à la "Ice Cream" mit möglichst viel Gesang enthält, Titel, die im Repertoire fast jeder Oldtime-Jazzband zu finden sind.
Die vorliegende Scheibe unterscheidet sich in vielem von unseren bisher erschienenen: Während die anderen drei viele Live-Mitschnitte enthalten, wurden alle hier zu hörenden Aufnahmen ausschließlich für diese CD im Studio produziert. Und während wir sonst besonderen Wert auf arrangierte Titel mit teilweise hoher Authentizität legten, haben wir hier ohnen großen Schnickschnack geradeaus losgespielt. Bis auf den "Tiger Rag" spielt Gesang eine dominierende Rolle, und selbst da kann sich Frank eines fragenden Aufschreies nicht enthalten.
Spätestens bei der ersten Studiositzung wurde uns klar, daß wir uns hier "das Einfache, das schwer zu machen ist", vorgenommen hatten. Gar nicht so einfach nämlich, in schon so häufig gehörte Titel noch Eigenes, Originelles einzubringen. Ob das bei den vorliegenden Aufnahmen mit unserem meist mehrstimmigen Gesang gelungen ist, müssen Sie, geneigte Hörerinnen und Hörer, selbst entscheiden. Jeder unserer drei Sänger erhält hier die Chance, sich solistisch zu präsentieren: Beim "Saint Louis Blues" und dem "Saint James Infirmary Blues" "Jockel", unser Baßbariton, bei "I Can´t Give You Anything But Love" und "Alexanders Ragtime Band" der Frank, der ohnehin häufig die unverwechselbare Hauptstimme singt und mit dem für ihn typischen "I´se A Muggin" (zu gut deutsch: "Ich bin bissel verrückt") der ansonsten meist im Hintergrund mit der dritten Stimme agierende Schlagzeuger Lutz.
Endlich haben wir unsere Texte mal "gesäubert", indem wir - dem Amerikaner bisher sicherlich "spanisch" vorkommende - Textstellen richtiggestellt haben. Bei der Bemühung um authentische Texte hat uns die Linguistin Frau Prof. Therese Grisham (USA) in dankenswerter Weise unterstützt.
Die von der Entstehungszeit her ältesten Titel auf der vorliegenden CD sind die "Traditionals" (Titel 2, 5, 6, 8 und 16), d. h. Gospelsongs bzw. Spirituals, deren Entstehungsjahr heute nicht mehr angebbar ist. "Bill Bailey" (Titel 11), heute oft als typischer Dixieland-Standard betrachtet, ist von den 16 Titeln der am frühesten datierbare. Er entstand schon 1902, ursprünglich als Ragtime-Song. Bereits 1911 schuf Irving Berlin "Alexanders Ragtime Band" (Titel 14). Dieser Komponist vieler bekannter Jazztitel wie "Cheek To Cheek" oder auch des Musicals "Annie Get Your Gun" soll allein durch diesen Titel zum Millionär geworden sein. Auch der Blues-Klassiker "Saint Louis Blues" (Titel 4, 1914) entstand in früher Zeit der Jazzgeschichte, wogegen der "Saint James Infirmary Blues" (Titel 10) erst 1927 komponiert wurde. Einer der frühesten auf Schallplatte aufgenommenen Jazztitel ist der "Tiger Rag", der bereits im Jahre 1917 von der legendären "Original Dixieland Jazz Band" eingespielt wurde.
Nicht so bekannt wie die meisten anderen Titel ist "Sugar" (Titel 3, 1926). Hier haben wir uns die Freiheit genommen, den ursprünglichen Text über ein zuckersüßes "Baby" in einen dreistimmigen Scat-Vocalteil umzuwandeln. "I Can´t Give You Anything But Love" (Titel 12, 1928) ist durch die Interpretation Ella Fitzgeralds berühmt geworden. Wie "Sugar" ist auch "I´se A-Muggin" (Titel 7, 1936) eher seltener zu hören. Wenn wir das Glück haben, von Karlheinz Drechsel bei einem Konzert angesagt zu werden, dem Jazzmoderator und Jazzkenner Ostdeutschlands (übrigens Ur-Dresdner), so kann sich Karlheinz bei diesem Titel die Bemerkung nicht verkneifen, daß es sich hierbei um eine "akademische Blödelei" handelt.
Die zweite Strophe des einzigen Titels mit deutschem Text auf der vorliegenden CD (Titel 13), des "inhaltsreichen" Liedes vom "Lieben Kleinen Fräulein" Gisela, widmeten wir dem "Blauen Wunder", jener Dresdner Elbbrücke, die unserer Band den Namen gab. Die inzwischen fast zum Schlager gewordene "Bourbon Street Parade" (Titel 1) und natürlich besonders "Ice Cream" (Titel 15) wurden in Europa besonders durch "Kenny Ball and his Jazzmen" bzw. durch "Chris Barber And His Jazzband" bekannt. Während der Vorbereitung der Aufnahme des letztgenannten Titels wurden wir des witzigen Wortspiels ice cream (Eiscreme) und I scream (ich schreie) gewahr. Schließen Sie bitte aus der Tatsache, daß wir das erst nach 25 Jahren bemerkt haben, nicht auf unsere Intelligenz. Der Schluß auf den Grad unserer Faulheit sei Ihnen erlaubt.
Apropos "25": Gestatten Sie uns bitte, im Begleittext zur im 25. Jahr unseres Bestehens erscheinenden CD etwas ausführlicher auf die Band einzugehen. Zunächst für diejenigen, denen die "Blue Wonder Jazzband" mit der vorliegenden CD zum ersten Male zwischen die Finger kommt: Wir gründeten uns in Dresden im Januar 1975. Seit Ende 1975 sind wir in unveränderter personeller Besetzung zusammen geblieben, und für jeden von uns ist das Musizieren in der Band ernstgenommenes Hobby. Bereits früh wandten wir uns dem Traditionellen Jazz der zwanziger und dreißiger Jahre zu, der Musik Jelly Roll Mortons, Bix Beiderbeckes und des jungen Louis Armstrong und waren dabei eine der wenigen Bands in der DDR, die diese Stilrichtung des Jazz pflegte. Dabei setzte Gert auf Arrangements, die den Originalaufnahmen nahe waren, aber immer auch die Eigenheiten jedes Bandmitgliedes und unseren typischen dreistimmigen Gesang zum Tragen brachten. Heute stellen frühe Titel Duke Ellingtons eine wichtige Säule in unserer Programmgestaltung dar.
Die Mitglieder unserer Band kennen sich teilweise länger als 25 Jahre. Bei den wöchentlichen Proben, den inzwischen mehr als 1300 Auftritten, den manchmal langen und mühsamen Anfahrten zu Veranstaltungen haben wir viele Stunden unseres Lebens gemeinsam verbracht. Jeder kennt jeden in der Band inzwischen sehr genau, die liebenswerten Seiten, aber auch die bei jedem vorhandenen Macken. Daß das 25 Jahre lang funktioniert hat und noch recht lange funktionieren möge, daß wir uns nach wie vor gern zum Musizieren treffen und bei längerer Abstinenz von der Band (z. B. Urlaub) nahezu Entzugserscheinungen entstehen, haben wir im wesentlichen unserer gegenseitigen Toleranz zu verdanken. Erlauben Sie bitte dem Schreiber dieses Textes noch die folgende, vielleicht sentimentale Äußerung: Es gehört für mich zum großen Glück meines Lebens, 25 Jahre lang Mitglied dieser Band zu sein. Dafür danke ich allen anderen Bandmitgliedern! Der größte Dank gilt jedoch unseren Frauen und Kindern, die uns die Freiheit gaben, viele, viele Abende, Tage, Wochenenden und manchmal Wochen nicht zu Hause zu sein.
Wir bedanken uns weiterhin herzlich bei Hendrik Meyer vom Dresdner Studio "AMI Productions", dessen musikalische Sensibilität und fördernde Kritik uns während der Aufnahmen häufig musikalisch auf die Sprünge geholfen hat.
Wie schon in der Einleitung erwähnt, wäre ohne unser teilweise seit 25 Jahren treues Publikum diese CD nicht entstanden. Wir bedanken uns bei Ihnen für Ihr Interesse an der Entwicklung unserer Band und an unserer Musik. Zum Schluß hoffen wir, daß Sie sich diese CD recht oft "reinziehen" mögen. Wir würden uns jedoch noch mehr freuen, wenn wir Sie bei einem unserer nächsten Konzerte begrüßen könnten! Falls Sie noch mehr über unsere Band erfahren möchten, verweisen wir auf die im Januar 2000 erscheinende Broschüre über 25 Jahre Blue Wonder Jazzband.
Lutz Käubler im Namen der"Blue Wonder Jazzband"Dresden Dresden, im September 1999